adler_art_03                                                                                                           Adler                                                       

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Geschichten über, in und um den Adler

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Südkurier "Kultur in der Region", 2000, Rüdiger Klotz

Gemütlichkeit und kulturelle Schmankerl

Ein wahrhaftiges Kleinod kultureller Begegnungsstätten....wenn Künstler eine Wirtschaft haben, wird da nicht nur Bier ausgeschenkt.....

Und wie kam es zu der kulturellen Beflügelung des Adlers?

Der aus Dunningen stammende Peter Burri fand es einfach äußerst schade, als der Adler in Hausen im Sommer 1998 seine Pforten für immer zu schließen schien, genoss er doch dort mit seinen Kollegen vom örtlichen Musikverein so manches Bier in geselliger Runde, in einer geschichtsträchtigen Atmosphäre. So mancher Immobilienhai hätte nichts gegen die Schließung des 400 Jahre alten Gebäudes gehabt, ließen sich doch nach dessen Abriß, inmitten in Hausen gelegen, profitträchtige Neubauten errichten. Da hieß es für Burri handeln.

Auf offene Ohren stieß er damit bei der Züricherin Dorothee Meylan, mit der er 1986 das Tourneeunternehmen HINTERZIMMERTHEATER gegründet hat.......

Die bisherigen Eigentümer  und Wirtsleute waren begeistert, dass ihr Elternhaus nicht den Baggern zum Opfer fallen würde. Der Adler soll in erster Linie das bleiben, was er schon immer war - eine traditionsreiche Versperwirtschaft..., künftig halt mit dem zusätzlichen Angebot verschiedener Veranstaltungen für Kultur-Interessierte aus der Region.


Jürgen Roth im Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 2006 sowie in seinem Buch "Das perfekte Wirtshaus"

Der König von Zimmern

Der "größte Amateurspieler aller Zeiten", wie er sich selbst nennt, ist schon ordentlich in Fahrt. Die Bayernliga habe er aufgemischt, damals, in den sechziger Jahren, später sei er der "König vom SV Zimmern" gewesen, dem Sportklub aus dem Nachbarort. Aber hallo!

Das Gasthaus Adler in Rotteil-Hausen liegt an der Horgener Straße, auf der ganztägig recht reger Verkehr herscht. Drinnen ist davon nichts zu hören. Die zugezogenen, grobgemusterten Vorhänge halten das beißende Sonnenlicht fern, auf den blanken Holztischen tänzeln schwache Reflexe, an den Wänden erinnern ausgeblichene Mannschaftsphotos an, wer weiß, gigantische Triumphe der Bezirksliga.

Es ist kurz nach vier. Der König von Zimmern sitzt nebem dem Ölofen und hebt das schwere Bierglas. Peter Burri, Theaterautor und - regisseur und seit 1999 Pächter des Adler, nimmt es ihm ab, geht zum Ausschank und füllt einen halben Liter Alpirsbacher für 2,20 Euro nach.


Burri war mal Torwart, "Ersatztorwart in der B-Jugend", wie er gesteht. Der König von Zimmern lacht scheppernd auf, rollt mit den wäßrigen Augen und zupft an seinem grauen Bart herum. "Einen haufen Blödsinn erfährst hier", sagt Burri in jener angenehm bedächtigen Art, die man nur noch in der Abgeschiedenheit zu Gehör bekommt, im 1000-Seelen-Dorf Hausen zum Beispiel, sechzig Kilometer südlich von Tübingen, exakt auf der Demarkationslinie zwischen der Schwäbischen Alb und dem Schwarzwald.

Auf einem photokopierten Zettel steht, der Adler empfehle sich "als bewährte Gebäudlichkeit für öffentliche wie geschlossene Veranstaltungen", nur die Fensterplätze seien "etw. zugig - und nur im Winter", und "die nur teilweise optisch gewöhnungsbedürftigen Innenräume" sprächen ja ohnehin für sich.

Burri zieht an einer Roth-Händle, der König von Zimmern greift zur Zigarettenschachtel. Hier, das wird der Abend beweisen, wenn sich das Lokal füllt, rauchen praktisch alle, ohne schlechtes Gewissen. " Ein Internet" habe man nicht, sagt Burri und verweist auf den weißblauen Ehrenwimpel des Süddeutschen Fußballverbandes, den er eingestrichen hat. "Übrigens", ergänzt er, "Nichtraucher sind an fast allen Tischen geduldet." Die Asche fällt in einen Aschenbecher mit dem Aufdruck "Sechsämtertropfen".

Die Straßenfront des Adler wirkt ein wenig provisorisch und dennoch höchst einladend. Der linke Teil des Hauses wurde Anfang des 18. Jahrhunderts errichtet, über das holzverschalte Obergeschoß wölbt sich ein Walmdach. Rechts vom hutzeligen Eingang, an der Wand des flacheren Anbaus, hängen ein farblich entkräftetes Patkplatzschild, ein uralter Briefkasten und ein Plakat. Auf der Theaterbühne des Adler gibt man unter Burris Leitung gerade eine dramatische Fassung von Eckhard Henscheids Goethe unter Frauen.


ofen

Henscheid hat hier gelesen, der Gitarrist Miller Anderson, der vor vielen Jahren mit der Rockband Deep Purple in Verbindung gebracht worden war, legte kürzlich einen famosen Auftritt hin. Beide nächtigten im "Prominentenzimmer", in einem schön-schlichten Bauernbett. Das gesamte Interieur stammt noch aus der Zeit der Vorbesitzer Hildegard und Albert Miller, beide abkünftig aus der Brauerdynastie Miller in Dunningen, die das legendäre Wehle-Bier verantwortete.

Albert Miller ist vierundneunzig. "Der hat auch mal einen getrunken", sagt Burri, "und abends hat er auf dem Klavier die zehn Lieder gespielt, die er draufhatte, das ´Kufsteinlied´ usw. Das Wehle hat man aber nur aus der Flasche getrunken. Gläser wurden nämlich in einem Eimer gereinigt, und das Wasser wurde bloß einmal pro Woche gewechselt."

Heute ist hygienisch alles tipptopp, der Rest sowieso. "Das ist ein Erlebnislokal. Jeder Besuch lohnt sich", sagt kurz vor Mitternacht ein Gast. "Im Zuge einer zügigen Durchziehung"  der lebensbereichernden Vorgänge der Gesprächsführung und Getränkeinfuhr bringt Burri eine weitere Ladung Bier und erzählt dann, wie zwei freundliche Gestalten, die sich gegenseitig den einen oder anderen spendierten, mal den Bierpreis eigenhändig auf drei Euro erhöhten. Das Viertele kostet nämlich drei Euro, also musste man der Gerechtigkeit halber die Ausgaben aneinander angleichen.

Spätestens jetzt ist klar, daß ein Aufenthalt im Adler nicht allein beflügelt - sondern den Gedanken ans Paradies aufs einleuchtendste profanisiert, eigene Bushaltestelle inklusive (bis 19.45 Uhr).

aufgestuhlt 
exit

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